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„Die Nimmersatten“

Zur Entstehungsgeschichte des Buches

»Nein, schreib das Buch nicht!«, empfahl mir ein langjähriger Kollege, als ich gerade ansetzte, die süßliche Himbeer-Tartelette im Düsseldorfer Bistro »Münstermann« zum Abschluss unseres Mittagessens zu vertilgen. Seine klare Ansage stieß mir sauer auf. Denn all jene, denen ich schon vorher von meiner Buchidee erzählt hatte, über das absurde System von ARD und ZDF schreiben zu wollen, hatten mir ebenfalls gebetsmühlenartig abgeraten. »Da machst du dir nur Feinde. Du weißt selbst, wie nachtragend die sind«, hielt er mir entgegen. »Da werden dir die Türen in Zukunft für immer verschlossen sein.« Ähnliches hatte ich bereits von langjährigen Freunden aus dem Mediengeschäft gehört.

Schon als Student hatte ich als freier Autor für den Hörfunk des Bayerischen Rundfunks (BR) das paradiesische System der Öffentlich-Rechtlichen kennen gelernt. Damals, als die Herren Redakteure noch mit Fahrer zu den Terminen chauffiert wurden.Für die Recherchen zu einem meiner Features im Radio Bayern 2 mit dem Titel »Revue der Explosionen« war dem Sender nichts zu teuer, nichts zu aufwendig. Ich freute mich über die Großzügigkeit. Um eine Bombenexplosion von drei Sekunden aufzunehmen, tourten wir damals mit einem Übertragungswagen samt Toningenieur zum Truppenübungsplatz Manching bei Ingolstadt. Ich ließ die Mikrofone aufstellen, die Truppe tratmit ihrem Mannschaftsführer in Reih und Glied an und brachte anschließend im sandigen Boden des Bundeswehrgeländes eine Explosion zustande, die meterhoch den Sand in dem ansonsten trostlosen Gelände durch die Luft wirbelte. Ich war von den drei Sekunden, die wir aufgenommen hatten, begeistert. Nur der Toningenieur nicht. Der Knall war ihm zu dumpf.

Damals ahnte ich noch nicht, dass ich mein halbes Leben mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verbringen sollte – nicht als unkündbarer Angestellter, sondern als unabhängiger Beobachter. Beim BR wollte ich schon damals nicht anheuern. Mit seinen komplizierten Intrigen, der politischen Vetternwirtschaft und der ausufernden Bürokratie – bitte mit drei Durchschlägen! – erschien´mir als Student der Sender stinklangweilig. Die Böden rochen nach Linoleum, und die CSU hatte die Anstalt fest im Griff. So bin ich zu Zeiten, als die Bilder des Privatfernsehens gerade laufen lernten, zur Zeitung gegangen – unabhängig, frei und frech wollte ich berichten und kommentieren, vor allem über die damals boomende Medienbranche. Volontariat, anschließend Dissertation, dann schließlich Redakteur – den öffentlich-rechtlichen Rundfunkmhatte ich dabei immer fest im Blick. Seit über zwölf Jahren arbeite ich nun als Medienexperte des Handelsblatts in Düsseldorf. Bei meinen Reisen quer durch Deutschland habe ich mit allen ARD-Vorsitzenden und ZDF-Intendanten seit der  Jahrtausendwende gesprochen und diskutiert. Manche haben sich wie Staatsmänner selbst zelebriert. Eigentlich gar nicht so absurd. Schließlich sind sie die Herrscher des größten öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems, das es jemals in der deutschen Geschichte gab.

Ich gehöre zu einer Generation, die nur mit ARD, ZDF und den Dritten aufgewachsen ist. Das prägt. Karl-Heinz Köpcke war als Tagesschau-Moderator noch der heimliche Regierungssprecher. Um 20 Uhr lauschte die Nation, welche Wohltaten Bonn mal wieder beschlossen hatte. Zum Abschluss des Fernsehabends wurde die Nationalhymne gespielt. Im Bayerischen Rundfunk gab es noch die Bayernhymne gratis dazu, die ich ohnehin als gebürtiger Franke nur schwer ertragen konnte. Anschließend gab es nur Rauschen.

Ich las damals lieber Bücher. Denn öffentlich-rechtliches Fernsehen – wenn auch schon in Farbe – war sterbenslangweilig. Dieter Thomas Heck sagte immer noch in Affengeschwindigkeit Schnulzensänger am frühen Samstagabend im ZDF an, Hans Rosenthal sprang bei Dalli Dalli noch einen halben Meter in die Luft, und Wim Thoelke tauschte mit den Animationsfiguren Wum & Wendelin laue Kalauer aus. Wir aber hörten Einstürzende Neubauten und sahen Apocalypse Now und fanden die Late- Night-Show von David Letterman aus den USA cool. ARD und ZDF – das war das Fernsehen der anderen.

Heute geht es jungen Menschen ähnlich. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk vergreist. Das Durchschnittsalter der Zuschauer von ARD und ZDF liegt jenseits der 60 Jahre, bei den Dritten sieht es noch schlimmer aus. Politiker sprechen immer von der Mitte der Gesellschaft. Wenn es die geben sollte, dann haben sich ARD und ZDF davon meilenweit entfernt. Steif, konventionell, schnulzig – das Gebührenfernsehen erreicht nur noch einen Teil der Gesellschaft. Und der Unmut darüber wächst.

Angesichts der vielen Skandale um Bestechung, Vetternwirtschaft und Misswirtschaft haben die Nimmersatten in weiten Teilen der Gesellschaft den Rückhalt verloren. In einer Zeit, in denen Staaten wie Griechenland und Spanien in den wirtschaftlichen Abgrund blicken, wirkt der aus GEZ-Gebühren finanzierte Selbstbedienungsladen der Rundfunkanstalten wie ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert. Doch dieser Eindruck täuscht.

Ab 1. Januar 2013 wird durch die Einführung der Haushaltsgebühr das mediale Absurdistan bis auf den Sankt-Nimmerleins- Tag finanziert. Denn für den Bürger gibt kein Entkommen. Aus der Kirche kann jeder austreten, der den Glauben an den lieben Gott verloren hat, aus dem System von ARD und ZDF aber nicht. Vorbei die Zeiten, in der Verzicht auf einen Fernseher oder Radio vor dem Bezahlen der GEZ-Gebühr geschützt hat.

Ein Grundprinzip unseres Staatswesens ist eine ständige Kosten-Nutzen-Analyse. Gerade in Zeiten des knappen Geldes müssenwir die Verwendung von Steuergeldern genau prüfen undgegebenenfalls alte Zöpfe abschneiden. Das gilt auch für ARD, ZDF und Deutschlandradio mit ihren 25 000 Angestellten und Zehntausenden an freien Mitarbeitern. Hinter der Worterfindung »Haushaltsgebühr« verbirgt sich nichts anderes als eine ARD-ZDF-Steuer. Doch eine detaillierte Rechenschaft legen die Anstalten und ihre Kontrolleure nicht ab. Ein undurchsichtiges System, das jährlich über 7,5 Milliarden Euro allein an Gebührengeldern verbrennt, ist entstanden. Über Jahrzehnte haben sich ARD und ZDF gegen eine Ökonomie des Gebührenfernsehens erfolgreich gewehrt. Es war in den vergangenen Jahrzehnten komfortabel, darauf zu verweisen, dass man per Rundfunkstaatsvertrag den Auftrag zu Unterhaltung, Information und Bildung hat. Durch so eine bequeme Haltung kann man der zentralen Frage ausweichen, ob ARD und ZDF im Zeitalter von Apple, Google, YouTube und Facebook überhaupt noch in diesem Umfang notwendig sind. Allein schon die Frage gilt als Provokation. Darf sie überhaupt gestellt werden?

Ja, ich musste dieses Buch schreiben.

Dieses Buch ist eine Reise durch den Kosmos des Gebührenfernsehens. Auf dieser Reise begegnet man korrupten Managern, die den Sinn für Recht und Gerechtigkeit verloren haben, selbstgefälligen Führungskräften, die in ihrem Expansionsdrang Millionen zum Fenster hinauswerfen, eigensüchtigen Politikern, die ARD und ZDF seit Jahren missbrauchen, aber auch vielen ganz normalen Menschen, die vor dem wuchernden System der Nimmersatten längst resigniert haben. Bei dieser Reise geht es nicht um Vollständigkeit, sondern um Einblicke in eine für den Gebührenzahler fremde Welt. Die Einführung einer ARD-ZDF-Steuer im Januar 2013 ist ein Wendepunkt. Der Bürger kann dem System nicht mehr entrinnen. Doch vielleicht ist sie auch der Beginn einer gesellschaftlichen Debatte, welchen Sinn der öffentlich-rechtliche
Rundfunk in einer digitalen Mediengesellschaft überhaupt noch macht. Dieses Buch soll ermutigen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk fundamental zu überdenken und endlich zu handeln – außerhalb des politischen Mainstreams. Die radikalen Reformvorschläge am Ende sollen einen Beitrag zu einem längst überfälligen Neuanfang leisten.