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„Österreich - Die zerrissene Republik“

Zur Entstehungsgeschichte des Buches

Österreich ist ein wunderschönes Land.

Das ist eine Binsenweisheit und dennoch wahr. Als ich 2013 als Korrespondent des „Handelsblatt“ in Wien meine Arbeit aufnahm, erfüllte sich für mich ein Herzenswunsch. Endlich in Felix Austria, dem besseren Deutschland. Als ich mein neues Zuhause in Wien-Mitte bezog, war ich fast ein wenig stolz, dass mich dieses Lebensglück doch noch ereilt hatte. Denn mein erster Versuch 28 Jahre zuvor – noch als Student – in Österreich Fuß zu fassen, scheiterte kläglich an der Bürokratie. Bei der Immatrikulation an der Universität Wien fehlte mir damals die ordentliche „Auslandskrankenversicherungsbescheinigung“ meiner deutschen Krankenversicherung. Ohne dieses Papier war mein damaliger Plan, von den USA nahtlos nach Österreich zu wechseln, von der universitären Bürokratie kurzerhand zunichte gemacht worden. Und um mir noch schnell eine Ersatzbescheinigung in Deutschland zu besorgen, dafür fehlte schlichtweg die Zeit. Schließlich endete bereits tags darauf die Immatrikulationsfrist an der Alma Mater in Wien. Pech!

Doch am Ende habe ich es doch noch geschafft. Von Wien aus erkundete ich in den vergangenen Jahren das verführerisch schöne Land zwischen Neusiedler See und Bodensee. Ich kam durch Orte mit seltsamen Namen wie Großklein, Negers und Obergail. Ich staunte über die außergewöhnliche Höflichkeit und Freundlichkeit in Gasthöfen und Hotels, über blitzblank gefegte Zentren von Bilderdörfern und über die Gelassenheit seiner Bewohner. Über eine Verkehrsinfrastruktur, die auch noch den letzten Winkel der Alpenrepublik per Bahn und Bus pünktlich erschließt – ein Land ohne wochenlange Streiks und lebensgefährliche Straßenkämpfe am Rande von Demonstrationen. In Wien – der mittlerweile zweitgrößten Metropole im deutschen Sprachraum – pendelte ich in meiner Freizeit von der Musik zum Theater zur Oper und vice versa. Ein kultureller Traum wurde wahr. Als ich auch noch den Dokumentarfilm mit dem unfreiwillig komischen Titel „Österreich: Oben und Unten“ an einem kalten Januarabend im Kino sah, war ich endgültig von meinem paradiesischen Gastland überzeugt. In berauschenden und bezaubernd schönen Bildern lässt Regisseur Joseph Vilsmaier („Herbstmilch“) nämlich die Cineplex-Kamera über Österreichs Gletscher, Seen und Berge gleiten, umkreist die Salzburger Festspiele und den Wiener Stephansdom. Die brachial schöne Musik von Hubert von Goisern potenziert noch die Macht der filmischen Flugshow Wonderful Wonderland Austria!

Hinter der pittoresken Kulisse auf der Leinwand und im realen Leben verbirgt sich allerdings ein Land, das politisch und wirtschaftlich aus dem Tritt kommt. Die drei Wahlgänge für einen neuen Bundespräsidenten manifestieren die Polarisierung Österreichs. Ganz Europa zitterte, ob die Österreicher tatsächlich den FPÖ-Politiker Nobert Hofer zum ersten rechtspopulistischen Staatsoberhaupt in Westeuropa wählen würden. Nur mit größter Mühe und nach einer Schlammschlacht errang der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen schließlich den Sieg. Europa fiel vorerst ein Stein vom Herzen. Doch mit dem Einzug des Wirtschaftswissenschaftlers in die Hofburg Anfang 2017 ist die Spaltung des Landes keineswegs überwunden. Im Gegenteil, die Gräben sind tief. Brückenbauer fehlen. Und der Populismus hält Österreich fest umklammert. Das Land im Herzen Europas läuft weiter Gefahr sein Gleichgewicht zu verlieren. Die Grenzen zwischen links und rechts, zwischen oben und unten amalgieren – mit gefährlichen Folgen nicht nur für das Land.

Österreich wird zum Testfall in Europa, an dem sich zeigen wird, ob am Ende Menschlichkeit, Aufrichtigkeit und Mut in einer lebendigen Demokratie siegen werden. In der Alpenrepublik wird über die Symptome der neuen Unbehaglichkeit heftig gestritten. Immer neue Erregungswellen um Flüchtlingskrise, Freiheitliche oder Finanzdesaster jagen durch das Land. Österreich ist vielen seiner Einwohner unbehaglich, sogar ungemütlich geworden.

Mit einem Blick von außen – als ausländischer Beobachter – will ich einen unmissverständlichen Beitrag leisten, wie Österreich wieder dorthin zurückkehren kann, wo es hingehört. Nämlich an die politische und wirtschaftliche Spitze in Europa.

Eine unvoreingenommene Außenansicht dieser Art ist zweifellos ein gewagtes Unterfangen, wie ich lernen musste. Die großen, ungläubigen Augen einer Freundin im Wiener „Café Engländer“ starrten mich an, als ich ihr meine Idee auf dem Silbertablett servierte – nämlich das Konzept eines Buches über Österreich mit dem Titel „Die zerrissene Republik“. „Du gehst weg von Österreich!“, formulierte sie einen Satz, der aber eigentlich als Frage gemeint war. Ich verstand im ersten Augenblick nicht, warum sie mir in diesem Moment ausgerechnet diese Frage stellte. Denn ich gab ihr dazu keinen Anlass. Sie wusste schließlich nur zu gut, wie sehr ich es liebe, in Österreich arbeiten und leben zu dürfen.

Angesichts meines Stirnrunzeln, das sich im breiten Spiegel des Kaffeehauses reflektierte, schob sie erklärend nach: „Ein Buch von einem Deutschen über Österreich. Damit kannst du es dir nur mit allen hier im Land verderben.“

Ich schwieg erst einmal, zerlegte mein Waldviertler Karpfenfilet sorgfältig, um nur ja keine Gräte zusammen mit dem Erdäpfel-Vogerlsalat zu verschlucken und konzentrierte mich auf mein alkoholfreies Null-Komma-Josef-Bier. „Ich bin genau gegenteiliger Meinung“, entgegnete ich schließlich meiner Freundin. „Eine kritisch-konstruktive Außenansicht ist gerade angesichts einer immer tieferen Spaltung Österreich wichtiger denn je.“ Doch meine Worte reichten nicht aus, mein mir freundschaftlich verbundenes Gegenüber zu überzeugen.

Zweifellos stellt es ein Risiko dar, als Ausländer, zudem noch als Deutscher, über den gegenwärtigen Zustand Österreichs ein Buch zu schreiben. Ich gehe dieses Wagnis jedoch bewusst ein, auch wenn die eine oder andere Aussage den Lesern und Leserinnen nicht gefallen mag oder man meine Schlussfolgerungen ablehnt.

Österreich braucht in einer Phase der politischen Polarisierung und der wirtschaftlichen Stagnation eine Klartext-Area, in der offen Probleme, Fehlentwicklungen und Zukunftsmodelle ohne Rücksicht auf Macht und Ansehen von Personen oder Institutionen ausgesprochen und diskutiert werden. Konflikte, die in Deutschland oftmals mit brutaler Härte in aller Öffentlichkeit ausgetragen werden, sind in Österreich weitgehend Tabus. In einem Land, das zehnmal kleiner ist als der deutsche Nachbar, muss am Ende jeder sein Gesicht wahren können. Für einen offenen Schlagabtausch fehlt schlichtweg oft der Raum. Stattdessen wird mit Intrige, Ausgrenzung, Kabale und Raffinesse der Gegner erledigt – oftmals fast lautlos. Die Folge ist eine gesellschaftliche und politische Stagnation, in der Aufrichtigkeit, Anstand und Mut fast schon zwangsläufig unter die Räder kommen.

Als Korrespondent der größten deutschen Wirtschaftszeitung besitze ich das Privileg nicht Teil des Machtsystems zu sein. Meine Rolle ist die eines unabhängigen Beobachters von außen, dem Österreich sehr am Herzen liegt. Ich stehe auch in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu Institutionen oder gar Parteien in Österreich. Das schafft die notwendigen Freiheiten für ein ehrliches Porträt einer zerrissenen Republik, die sich ihren Zustand gerne schön redet. Die Unabhängigkeit ist für die Wahrheitssuche ein unschätzbarer Vorteil – gerade in einem Land, in dem die einzelnen Interessen oftmals wichtiger sind als nachweisbare Uneigennützigkeit.

Dieses Buch ist unter anderem eine Reise zu rechtspopulistischen Kandidaten, die für das höchste Staatsamt vergebliche drei Anläufe unternehmen und dennoch nicht aufgeben. Zu einem Bahn-Manager, der ohne parlamentarisches Mandat Regierungschef geworden ist und leichtfertig Verteilungsgerechtigkeit verspricht. Zu Wirtschaftsbossen, die an ihrer Heimat verzweifeln und im Osten investieren. Auf dieser journalistischen Reise begegnen wir Stahlvorständen in Linz, die unter der Mutlosigkeit im Land leiden, auf österreichische Ölmanager in Russland, die von mächtigen Politikern in den Schwitzkasten genommen werden und Flüchtlingen auf ihrem lebensgefährlichen Weg ins vermeintliche Glück. Wir begegnen Tiroler Tourismusunternehmern, die der Devise des „immer höher, weiter und teurer“ folgen, ohne dabei zu bedenken, wie sie damit die Grundlage ihres Geschäftsmodelles gefährden und ihre eigene Heimat zerstören. Wir treffen eine Literaturnobelpreisträgerin, deren aufrüttelndes Theaterstück von Rechtsradikalen verhindert wird. Wir treffen auf Medienmacher, die in den sozialen Netzen raffiniert hetzen.

Kurzum, es ist dies eine Reise ohne den Anspruch auf Vollständigkeit durch das faszinierende und zugleich zerrissene Österreich. Sie soll dazu ermutigen, das Land neu zu denken und endlich zu handeln – abseits des gängigen parteipolitischen Koordinationssystems und ohne falsche Rücksichtnahme. Denn Österreich braucht Europa, und Europa braucht Österreich –gerade in der größten Identitätskrise des Kontinents seit dem Zweiten Weltkrieg.